Einfachheit vs. Stadtleben

Uruguay: Barra de Valizas – Montevideo, 8.2. bis 20.2.19:

Nach 2 Wochen Freiwilligenarbeit bei Hugo verlassen wir schweren Herzens seine kleine Hütte. Das einfache Leben hat uns gepackt und wir finden über Airbnb eine kleine und einfache Holzhütte am Strand an der Küste Uruguays und mieten uns für 5 Nächte ein.

Wir kommen nach 4 Stunden Busfahrt in dem kleinen Hippie-Dorf Barra de Valizas an und schon merken wir, dass hier ein anderer Takt schlägt. Rastalocken sind hier Programm, am Strassenrand zeigen die Artesanos (Strassenkünstler) ihre Schätze und die Gebäude sind sympathisch und mit viel Liebe aus Holz und allen möglichen Materialien zusammengebastelt. Nach einem 1,5 km langen Fussmarsch am Strand erblicken wir unsere kleine Hütte. Noch einfacher als bei Hugo beziehen wir nun ein 9m2 Häuschen ohne Strom und jeglichen Schnickschnack. Das Wasser können wir am nahegelegenen Brunnen zapfen. Das Bad ist ums Eck, die Toilette ist ein umgebauter Plastikstuhl mit Eimer, in der Ecke hängt ein zweiter Eimer mit einem kleinen Tropfhahn – unsere Dusche. Wir blicken von der Hütte direkt in die Dünenlandschaft und hören das Meeresrauschen. Herrlich.

Wir geniessen das einfache Leben und den menschenleeren Strand, machen stundenlange Strandspaziergänge, lesen viel und abends sitzen wir mit Kerzenschein vor unserer Hütte, süffeln uruguayanischen Wein und staunen über das Blitzgewitter, welches im Sekundentakt über uns erstrahlt. Roman und ich rufen bei jedem drittem Blitz „woahr und boahr“, so gewaltig und einzigartig ist der Anblick. Solch eine Wucht von Blitzen haben wir noch nie gesehen. In dieser kleinen Hütte fühlen wir uns der Naturgewalt ziemlich ausgeliefert. Der Regen und Wind peitscht gegen unsere Hütte, an der Seite tropft das Regenwasser rein aber wir sind froh, dass Tür und Dach hält.

An Romans Geburtstag machen wir eine 24km lange Strandwanderung und können die Seelöwen beim bräunen beobachten.

Nach 5 Tagen völliger Ruhe und Entspannung sind wir bereit für das Stadtleben und machen uns auf nach Montevideo, Uruguays Hauptstadt.

Montevideo

Ein kleines Kontrastprogramm gefällig? Wir stehen in dem modernen Apartment, welches wir für 5 Tage in Montevideo gemietet haben. Schicke Küche, warmes Wasser um endlich mal alle Sandkörner aus den Haaren zu bekommen, WLAN und ein gemütliches Bett aber mit Blick auf die Hochhäuser. Der Blick auf die Sanddünen haben wir natürlich bevorzugt, aber wir geniessen das warme Duschwasser und nach 3 Wochen mal wieder unsere Wäsche in eine Maschine zu schmeissen.

Wir nutzen die Zeit und das gute Internet um Bilder hochzuladen, mit Familien und Freunden zu telefonieren und finden endlich auch etwas Zeit um unseren Blog zu aktualisieren. Jetzt haben wir endlich eine Bildgalerie und unsere Reiseroute online. Schaut gern mal rein.

Wir freuen uns aber auch auf das Stadtleben und möchten unbedingt den lateinamerikanischen Karneval erleben. Es heisst nämlich, dass der Karneval in Montevideo dem Karneval aus Rio ziemlich die Parole bieten kann. Wir finden einen Ort, wo abends unterschiedliche Karnevalsgruppen auftreten und schauen uns das bunte Treiben an. Die Gruppen bestehen aus mindestens 12 Personen, singen und tanzen und wechseln in einer Aufführung viermal die Kostüme. Es wird sehr viel politisch und sozialkritisches in den Texten verarbeitet und ich muss mich sehr konzentrieren, dass ich die Zusammenhänge verstehe. Aber die Stimmung ist fantastisch und wir klatschen eifrig mit.

Wir nutzen zudem die Zeit in Montevideo und werden Mitglied bei SERVAS. Die international aufgestellte Organisation möchte Menschen auf der ganzen Welt verbinden und Frieden und die Verständigung von Kulturen fördern. Das Ganze funktioniert ähnlich wie Couchsurfing. Man kann vor Ort unterschiedliche Personen anfragen und für maximal 2 Nächte gratis bei ihnen übernachten und gemeinsam Zeit verbringen. Wir haben das Glück bei der Koordinatorin von Servas Uruguay vorbei schauen zu können. Wir werden herzlich als neue Mitglieder und somit auch in den Whatsapp-Chat von Servas Uruguay aufgenommen. Wir bekommen direkt zwei Anfragen von Frauen, die mit uns etwas unternehmen möchten.

Wir freuen uns über die Anfragen und treffen direkt am nächsten Tag Rosanna. Der Treffpunkt ist vor dem wohl schönsten Gebäude Montevideos, dem Palacio Salvo. Bei Erbauung im Jahr 1928 war es für 7 Jahre der höchste Turm Südamerikas und ein nobles Hotel. Mittlerweile sind aus den ehemaligen Hotelzimmern Apartments geworden. Nach der Begrüssung steuert sie direkt auf das Gebäude zu und fragt, ob wir es schon besucht haben. Wir verneinen, sie schmunzelt und verrät uns, dass man normalerweise nur mit einer Führung nach oben kommt, wir aber heute unsere eigene Führung bekommen. Wir sind etwas verdutzt, aber mittlerweile gewohnt einfach zu folgen und zu schauen was passiert. Wir steigen in den Fahrstuhl und fahren in den 21., den vorletzten Stock. Schon beim aussteigen zückt Rossana einen Schlüssel und schliesst dann eine Wohnung auf. Wir stehen mitten in einem wunderschönen Apartment mit einem unbeschreiblichen Blick auf die ganze Stadt. Unwahrscheinlich stauen wir aus den Fenstern und sind begeistert. Früher hat sie hier selbst drin gelebt, nun vermietet sie das Apartment an Gäste oder Freunde. Als wenn das nicht schon genug Überraschung wäre, zieht sie aus ihrer Tasche eine Bierflasche und eine Packung Chips. Wir geniessen das Apero über den Wolken Montevideos und erzählen von unseren Leben.

Bald brechen wir dann gemeinsam auf, da wir dank eines weiteren Servas Mitglieds eine Einladung zu einem Folklore-Gaucho Konzert erhalten, welches wir natürlich nicht verpassen möchten. Wir betreten in einer unscheinbaren Seitenstrasse ein älteres Gebäude und stehen in einem kleinen Raum mit 50 Stühlen und einer kleinen Bühne. Der Raum ist schon fast voll und ich ziehe den Altersschnitt erheblich runter. Daniela hat uns netterweise bereits die Stühle reserviert und wir werden persönlich von dem als Gaucho verkleideten Sänger begrüsst, unsere europäischen Gesichter fallen in der Runde natürlich auf. Wir geniessen wunderbare Musik vom Lande mit viel Herz, Stimmgewalt und Stimmung. Besonders beim Tango bleiben die Hände und Köpfe nicht ruhig und der ein oder andere jubelt vor Entzückung.

Nach diesem wunderbaren Konzert sind wir ready für das Nachtleben und ich erzähle, wie gerne ich den Tango sehen möchte. Also auf geht es in die wohl bekannteste Bar Montevideos. Wir kommen rein und es ist genau noch ein Tisch, direkt vor der Bühne, frei. Was für ein Glück. Es gibt Livemusik und nach einer Stunde kommt ein Tangopärchen und zeigt diesen wunderbaren Tanz – ich bin fasziniert. Ab 12 Uhr nachts wird die Stimmung dann noch ausgelassener und uns hält es nicht mehr auf den Stühlen. Wir tanzen ausgelassen mit bis 2 Uhr Nachts.

Wäre das nicht schon genug gewesen, bietet uns Rossana auch noch an, in ihrem Apartment über den Dächern Montevideos zu schlafen. Roman und ich sind uns direkt einig… das können wir nicht ausschlagen. Wir sind froh, dass wir noch keine Weiterfahrt und Unterkunft gebucht haben und verlängern unseren Aufenthalt in Montevideo um 2 Nächte. Wir geniessen diesen wunderbaren Ausblick und sind schon wieder von der Gastfreundschaft überwältigt. Nach 7 Nächten verlassen wir Montevideo. Die Stadt gefällt uns, sie ist gemütlich, die Menschen entspannt und super freundlich. Man wird sogar stets von jungen Männern gegrüsst – das denke zumindest ich. Eine Situation in der Stadt: „Hola“ ruft ein Chico, ich grüsse höflich zurück. Roman sagt neckisch “Er hat nicht Hola sondern Marihuana gesagt,“ und fragt im selben Satz, „sehe ich aus wie ein Kiffer“? Ich schaue mir seinen Bart an und schmunzle.

Dann ist die Zeit gekommen Uruguay zu verlassen. Wir haben das Land in den fast 4 Wochen lieben gelernt, vor allem die Menschen. Es wird viel Mate getrunken, sich stets zur Begrüssung auf die Wange geküsst, Gastfreundschaft wird gross geschrieben und alle sind sehr zuvorkommend, höflich, easy-going und entspannt.

Jetzt werden wir Argentinien erkunden und uns auf den Weg nach Patagonien begeben.