Jhonys Haus und Torres del Paine

Chile: Puerto Natales – Parque Torres del Paine, 6.3. bis 14.3.19:

Langsam rattern wir im Bus auf einer Schotterpiste die letzten 8 km bis zur Grenze nach Chile. Im Hintergrund sehen wir die ersten schneebedeckten Berge in der Nachmittagssonne. Und schon sind wir im süssen Puerto Natales angekommen.

Eine Kleinstadt umringt von Bergen und Fjorden, Hostel reiht sich an Hostel und durch die Straßen laufen professionell ausgestattete Wanderer. Wir haben Glück und dürfen bei Jhony übernachten. Der sehr aktive Couchsurfer lädt uns zu sich nach Hause ein. Er warnt uns aber vor, hier wird geduscht wie vor 80 Jahren. Für eine warme Dusche muss das Wasser erst mit dem Kessel aufgewärmt und anschließend in einen Eimer gefüllt werden. Ach, wenn es weiter nichts ist. Wir klopfen an seine Tür, treten ein und machen recht grosse Augen, als der ganze Wohnraum voll von Langzeit-Reisenden aus Uruguay, Argentinien, Chile, Spanien und Frankreich ist. Die einen spielen Karten, manche jonglieren, eine spielt Gitarre, die anderen bereiten sich auf eine Trekkingtour vor, zwei machen beeindruckende Yogaverrenkungen und in einem anderen Raum wird meditiert. Alle begrüssen uns herzlich und wir bekommen eine Wohnungsführung durch die 4 Zimmer. Alle 24 Namen können wir uns leider nicht merken, aber wir gesellen uns dazu und mir bleibt erstmal nichts anderes übrig als zu glotzen, was um mich herum alles passiert. Gute Laune, Temperament ohne Ende, Hippie-Feeling, alles wirkt wie eine grosse Familie. Um 23 Uhr fängt eine kleine Gruppe in der Küche an zu kochen. Zwei weiße Laken werden auf dem Boden verteilt und jeder nimmt seinen Platz im Kreis ein und es wird gemeinsam gespeist.

Wir sind beeindruckt, 24 Menschen teilen sich zwei kleine Badezimmer, eine Küche und Nachts wird aus dem Wohnzimmer eine Liegewiese. Jeder holt seine Matte und Schlafsack raus und alle legen sich in eine Reihe zum schlafen. Morgens werden die Matten sauber in die Ecke gelegt und jeder geht seinen Projekten nach. Jhony ist Argentinier und hat für eine Weile diese Wohnung übernommen um mit Menschen aus aller Welt Zeit zu verbringen. Er darf hier umsonst leben, muss aber sofort Platz machen falls der Eigentümer rein möchte. Er zahlt alleine für alle Wasser, Strom und Gas. Meinen Vorschlag eine Trinkgeldkasse aufzustellen lehnt er ab, er ist davon überzeugt, dass er das selbe zurück bekommt, wenn er reist. Dafür wird er jeden Abend mit traditionellen Gerichten aus aller Welt bekocht, das genügt ihm. Großartiger Typ! Roman zieht den Altersschnitt etwas in die Höhe und wir fühlen uns ein wenig spiessig unter all den temperamentvollen Freigeistern. Aber wir lassen uns treiben, probieren auch ein wenig Acroyoga aus und genießen den Austausch mit all den unglaublich netten Weltenbummlern.

Wir planen unsere Wandertour im bekanntesten Nationalpark Patagoniens, Torres del Paine. Doch schnell werden wir gezwungen unsere Pläne zu ändern. Wir möchten eigentlich die 7-Tages-Rundwanderung (O-Trek) mit dem abgelegeneren Teil des Parkes machen, doch zwei der notwendigen Campsites sind bis April ausgebucht. Wir sind überrascht, denn eigentlich ist nun die Hauptsaison vorbei. Doch Patagonien ist zum Hype geworden und Menschenmassen zieht es noch immer in die Region. Schon schleicht sich das Gefühl ein ob wir überhaupt gehen sollen, auf so viele Menschen haben wir eigentlich keine Lust. Aber nun sind wir schon mal hier und uns treibt die Neugier in den Park. Wir überlegen hin und her und entscheiden uns dann für die 5-Tages-Wanderung (W-Trek), die allerdings deutlich besuchter ist. Auch für diese Variante konnten wir nur mit viel Glück die notwendigen Camps reservieren. Wir gehen einkaufen und packen unsere Rucksäcke. Zelt, Schlafsack, Isomatte, Kocher, Essen für 5 Tage, eine Montur Wechselklamotten und natürlich Romans Kamera. Den Rest unserer Sachen dürfen wir bei Jhony lassen.

2 Tage später geht es los. Noch im Dunkeln laufen wir zum Bus, der uns in den Park bringt. Am Parkeingang angekommen reihen sich die mit Funktionsklamotten ausgestatteten Wanderer und uns schleicht das Gefühl ein, dass wir diesen Ort 30 Jahre zu spät besuchen. Schöne Orte bleiben selten unberührt.

Wir versuchen die Menschen auszublenden und die wunderschöne Landschaft zu genießen. Es gelingt mir nur bedingt, denn selten ist man allein und Campen muss man auf den großen und gefüllten Campingplätzen. Dort tümmeln sich Wanderer und solche, die es werden wollen. Abends gibt es heißes Wasser zum duschen (was für ein Luxus) und der Zeltplatz gleicht eher einem Openair-Gelände.

Aber der Hype um den Park ist natürlich nicht umsonst. Wir staunen selber über die wunderschöne Natur. Am zweiten Tag laufen wir zum Grey Gletscher und finden einen fantastischen Aussichtspunkt. Ein herrlicher Tag, die Sonne scheint, der Wind ist mild und wir blicken runter auf einen mächtigen Gletscher. Nach unserem Haferbrei zum Mittag haben wir für eine Siesta und eine Meditation den Ort ganz für uns allein, bis dann lautplappernd die nächsten Wanderer um die Ecke kommen.

Auch die nächsten 3 Tage haben wir ein unfassbares Wetterglück und sehr gnädige Windverhältnisse. Die Landschaft ist traumhaft schön und uns erinnert der ein oder andere Anblick an die Schweiz. Am letzten Tag laufen wir noch zu den bekannten Torres del Paine und dürfen den Ort in der Morgenstimmung mit nur zwei weiteren Personen genießen. Gegen Mittag ziehen die Wolken auf, verstecken die Türme und die Massen an Tagestouristen kommen schwitzend und keuchend den Weg hinauf. Köstlich amüsieren wir uns über das Posen und Fotografieren der Anderen, jeder will das beste Foto für die meisten Likes auf Facebook. Fraglich ob sie überhaupt den magischen Ort wahrnehmen.

Am Nachmittag machen wir uns zurück in die Zivilisation und schlafen noch eine Nacht bei Jhony. Es fühlt sich wie ein nach Hause kommen an. Manch alte Gesichter sind noch da, wir begrüßen manch Neue und wir essen wieder gemeinsam um Mitternacht bis wir müde in unsere Schlafsäcke kriechen. Insgesamt sind wir in fünf Tagen 90 km und ca. 28 Stunden gewandert. Zum Glück mussten wir nicht hungern denn wir haben 1 kg Nüsse, 10 Riegel, 1 kg Polenta, 800 g Nudeln 1,3 kg Haferflocken, 500 g Datteln, 3 Äpfel, 300 g Käse und 150 g Salami gefuttert. Aber im Endeffekt war die Organisation durch die Buchung aller Camps bei drei unterschiedlichen Zeltplatz-Betreibern anstrengender als die Wanderung selber. Wir verstehen die Bekanntheit um den Park, denn er ist wirklich wunderschön, doch die wohl bleibendere Erinnerung für uns ist das gemütliche Zusammenleben bei Jhony.

Nun planen wir eine weitere 4-Tages-Wanderung, diesmal aber abgelegener und anspruchsvoller im Parque Nacional los Glaciares.

Doch hier erstmal die Highlights der letzten Tage: