Per Anhalter entlang der Carretera Austral

Chile/Argentinien: Villa O`Higgins – El Bolson, 30.3. bis 9.4.19:

Es ist bereits Dunkel als der kleine Shuttlebus uns von dem Fähranleger ins Dorf Villa O‘Higgins bringt. Wir ziehen durchs Dorf und finden ein kleine Unterkunft in einer Holzhütte. Eine nette Dame zeigt uns ein großes Zimmer mit einem gemütlichen Bett, Sitzecke und eigenem Bad. Nach acht Nächten im Zelt genau das Richtige. Perfekt um für vier Tage eine Pause einzulegen.

Wir fühlen uns im kleinen und herzigen Dorf direkt wohl. Alle kennen sich, auf der Strasse wird sich stets nett gegrüßt und die Häuser sind liebevoll aus Holz gebaut. Es ist das letzte Dorf der berühmten Carretera Austral, wohl eines der schönsten Straßen Chiles, die sich 1220 Kilometer mitten durch die atemberaubende Natur Patagoniens schlängelt.

Wir genießen die Pause, schreiben, bearbeiten Fotos, waschen alles durch und müssen unbedingt unsere Hosen reparieren. An unseren Hinterteilen bilden sich jeweils große Löcher die per Hand nicht mehr zu bändigen sind. Bei der ersten Dorfbesichtigung sehen wir durch Zufall einen kleinen Zettel am Fenster mit den Worten „Ich repariere Kleider“. Perfekt. Ich packe unsere zwei Hosen und einen Pulli von Roman ein und klopfe am Montagmorgen um kurz vor 10 Uhr an die Tür. Die Vorhänge sind zugezogen und nichts rührt sich drinnen. Ich warte ab und sehe, wie sich der Vorhang bewegt, dann wieder Stille. Es schleicht sich das Gefühl ein, nicht willkommen zu sein. Ich will gerade wieder gehen bis sich langsam die Tür öffnet und eine ältere Frau im Bademantel vor mir steht. Sie ist ungefähr halb so groß wie ich und lächelt mich schüchtern mit ihren drei Zähnen an. Sie habe noch geschlafen, aber ich solle doch eintreten. Ich entschuldige mich für die „frühe“ Störung und zeige ihr unsere Problemfälle. Das ist kein Problem, ich könne die Sachen am Abend wieder abholen. Erleichtert über diesen schnellen Service klopfe ich am Abend erneut und bin begeistert von der Arbeit. Bescheidene drei Euro verlangt sie für Ihre Schneiderkunst. Ich bin gerührt und dankbar und ich spüre wie auch sie sich freut, gebraucht zu werden.

An einem Tag machen wir eine Wanderung ins Tal und merken auf halber Strecke, dass sich unsere Wanderlust in Grenzen hält und wir lieber mit einer Packung Keksen auf dem Bett lümmeln möchten. Die vielen Wanderungen der letzten Wochen bleiben nicht ganz unbemerkt. Das ein oder andere Kilo ist gepurzelt und jetzt, wo wir wieder im Genuss von Supermärkten sind, denken wir ständig nur ans Essen und an Kekse. Wir erschrecken selber über unseren täglichen ungestillten Kekskonsum, der sehr untypisch für uns ist.

Nach ein paar Tagen der Ruhe wollen wir weiter die Carretera Austral gegen Norden reisen. Denn hier kommt langsam der Winter, es wird kalt und regnerisch und als am Morgen in den Bergen frischer Schnee liegt, ist klar, ab in den Norden.

Wir möchten endlich mal per Anhalter fahren. So viele Reisende haben davon geschwärmt, es sei eine schöne Möglichkeit mit den Menschen in Kontakt zu kommen und man versüßt den häufig allein fahrenden Personen etwas die Fahrt. Wir planen also am nächsten Tag per Anhalter zu starten. Morgens um 7 Uhr weckt uns der Wecker, es ist dunkel und der Regen klatscht gegen die Scheiben. Hmmm… so verlockend ist es nun nicht gerade sich an die Strasse zu stellen. Hinzu kommt, dass die Hauptsaison langsam vorbei und demnach auf den Strassen nicht viel los ist. Wir beschließen das schlechte Wetter mit Keksen drinnen zu verbringen und den Bus am nächsten Morgen zu nehmen.

Gemeinsam mit weiteren 8 Passagieren fahren wir gemütlich am nächsten Morgen mit einem Kleinbus nach Cochrane. In Cochrane angekommen suchen wir uns eine Unterkunft für die Nacht und stehen am nächsten Morgen voller tatendrang an der Strasse die Richtung Norden führt. Heute probieren wir es. Kein zurück mehr. Es ist kalt und noch nicht viel los auf der Straße morgens um 8.30 Uhr, aber die Sonne zieht langsam über die Hügel hoch. Die Bauarbeiter fahren mit ihren Pick-ups an uns vorbei und winken uns tröstend zu. Wir strecken den Daumen trotzdem bei jedem Auto raus – immer schön grinsen und freundlich schauen ist die Devise.

Wir warten keine halbe Stunde da hält ein geräumiger Pick-up. Uns lächelt Sergio entgegen und fragt wo wir hin wollen. Soweit in den Norden wie möglich, antworten wir. Er fährt bis nach Coyhaique, 330 Kilometer in den Norden – perfekt. Wir steigen ein und es beginnt eine fünfstündige Fahrt durch eine unfassbar schöne Landschaft entlang türkisfarbener Flüsse, Seen und unbeschreiblichen Bergkulissen. Sergio arbeitet gerade an einem Kanalisationsprojekt in Tortel, wohnt aber in Santiago de Chile und nimmt somit alle 20 Tage diese achtstündige Autofahrt und danach noch zwei Stunden im Flugzeug auf sich. Ganz schön verrückt, aber wir sind natürlich dankbar über diese sehr gemütliche und amüsante Fahrt mit ihm.

An einer Tankstelle in Coyhaique verabschieden wir uns von ihm. Wir sind begeistert über unsere erste Fahrt per Anhalter und voller Energie laufen wir auf die andere Seite der Stadt und strecken wieder die Hand raus. Um den kleinen Hunger zu stillen holen wir gerade Empanadas (gefüllte Teigtaschen) heraus und schon hält der nächste Wagen. Also schmeißen wir die Empanadas zurück in die Tüte und die Rucksäcke auf den Pick-up eines rüstigen Rentners. Er bringt uns weitere 40 Kilometer Richtung Norden und lässt uns an einer Kreuzung heraus, bevor er abbiegt. Wir gehen rasch aufs Klo, essen ein paar Nüsse und keine fünf Minuten später hält Jorge an. Er kann uns ins nächste Dorf mitnehmen. Alles klar, also fahren wir weitere 45 Kilometer nördlich mit ihm und seinem schnarchendem Sohn auf der Rückbank.

Um 17.30 Uhr kommen wir im kleinen und verschlafenen Dorf Villa Mañihuales an und haben genug Autofahren für heute. Wir suchen uns eine Unterkunft und sind sehr zufrieden mit unserem ersten Tag Autostoppen, wir haben es immerhin über 400 Kilometer geschafft und es hat richtig Spaß gemacht.

Am nächsten morgen stehen wir erneut keine fünf Minuten an der Strasse und schon wieder hält ein Pick-up. Diesmal nimmt uns Jose 60 Kilometer mit. In einem Dörfchen mit 80 Häusern lässt er uns raus. Wir setzten uns an den Straßenrand und haben diesmal Zeit gemütlich Mittag zu essen und den in den Süden vorbeifahren Autofahrern freundlich zu winken.

Nach 1,5 Stunden hält der 73-jährige Robert aus Amerika. Er ist alleine mit einem Mietwagen für zwei Monate auf Entdeckungstour und freut sich über unsere Gesellschaft. Wir fahren 90 Kilometer bis in das nächste Dorf Puyuhuapi und nutzten den folgenden Regentag um mal wieder mit der Familie zu telefonieren.

Per Zufall treffen wir Robert am nächsten Tag im Supermarkt und er bietet uns an, am nächsten morgen wieder mitzufahren und lädt uns großzügigerweise auch noch Abends zum Essen ein. Wir verbringen einen super gemütlich Abend mit feinem Essen und lokalem Bier und fahren am nächsten Tag gemeinsam 200 Kilometer in den Nordosten Richtung der argentinischen Grenze in das Dorf Futaleufu.

Der Weg bis hierhin verlief nun wirklich ziemlich einfach doch nun heißt es weiter trampen über die Grenze nach Argentinien. Zwei Stunden stecken wir am nächsten Tag in Futaleufu die Daumen hoch und grinsen den wenig vorbei fahrenden Autos zu.

Alle winken uns nett zu und symbolisieren mit Handbewegungen, dass sie in der Gegend bleiben. Ein junger Chilene hält an und ist besorgt über unser Vorhaben. Er meint über die Grenze zu trampen wird schwierig, da hier so wenige Auto fahren. Wir zweifeln langsam auch an unserem Vorhaben und Roman beschließt, sich in der Touriinfo über die Busse zu informieren. Ich halte die Stellung an der Straße. Genau in dem Moment, als Roman zurück kommt, hält Jeannette und bietet an uns die 10 Kilometer bis zur Grenze mitzunehmen. Wir steigen ein obwohl wir uns nicht sicher sind ob wir danach weiter kommen, doch es ist ein herrliches Gefühl ein wenig vorwärts zu kommen. 200 Meter vor der Grenze lässt sie uns raus und wir laufen rüber zum Grenzposten, zücken erneut unsere Pässe und werden gezwungen eine frühzeitige Mittagspause einzulegen. Dummerweise haben wir vergessen, dass wir keine Früchte und Gemüse über die Grenze tragen dürfen. Also setzten wir uns neben das Grenzhäuschen und schlagen uns die Bäuche voll. Wegschmeißen kommt nicht in Frage.

Vollgefuttert beobachten wir wenig später den nicht vorhandenen Verkehr. Auch hier ist langsam Nebensaison und innerhalb der nächsten Stunde fährt kein Auto an uns vorbei. Wir beschließen also etwas zu laufen, irgendwann muss doch wohl ein Auto kommen.

Nach ungefähr drei Kilometern laufen rollt hinter uns ein kleines Auto die Schotterpiste entlang. Mitten im nirgendwo strecken wir die Hand raus und das Auto hält an. Das britische Pärchen Donna und Emre schaut etwas überrascht uns hier zu sehen, räumt aber direkt die Rückbank frei und wir dürfen einsteigen, das Ziel ist die nächstgrößere Stadt Esquel. Wir verstehen uns direkt prächtig und es gibt viel zu erzählen.

Auf dem Weg legen wir noch einen Stop ein und besuchen eine alte Getreidemühle mit einem Wasserrad. Wir gehören zu den 1% ausländischen Besuchern dieses urigen Museums und der Inhaber ist sichtlich angetan von unserem Besuch.

Am Nachmittag erreichen wir Esquel und Donna und Emre bieten uns an, uns am nächsten Tag mit nach El Bolson zu nehmen. Wir sind begeistert, denn das war auch unser Ziel für den nächsten Tag. Gemeinsam verbringen wir einen super lustigen Abend in einer Bierbrauerei mit Happy Hour und machen am nächsten Tag auf dem Weg noch ein Abstecher in den Nationalpark los Alerces, wo wir eine kleine Wanderung einlegen.

Als Dank für die zwei Tage gratis mitfahren laden wir die beiden am Abend in El Bolson in unsere kleine Holzhütte mitten im Wald ein, die wir für vier Tage gemietet haben. Wir kaufen Essen, Wein und selbstverständlich Eis und verbringen einen gemütlichen Abend in unserer Hütte und kochen ein weiteres Schweizer Rezept, Älplermagaroni. Am nächsten morgen fahren die beiden weiter und wir blicken zurück auf fünf Tage trampen mit acht unterschiedlichen Fahrern und ungefähr 1000 geschafften Kilometern.

Wir finden es großartig, auf diese Art zu reisen. Der große Reiz daran ist das Ungewisse. Man weiß nie wo man am Ende des Tages sein wird. Das Zelt und eine Ration Essen immer dabei sind wir nie aufgeschmissen und stets völlig flexibel. Es ist ein freies Reisen, ohne stundenlange Recherche und Buchungen und man gelangt an Orte, die nicht in den Büchern stehen und die man nicht auf dem Plan hatte. Es fühlt sich befreiend an immer mehr von dem Organisations-Wahn los zulassen, den wir so gewohnt sind. Und man lernt unglaublich tolle Menschen kennen und schließt Freundschaften auf der ganzen Welt. Wir werden weiter machen.



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