Segelabenteuer durch Indonesien

Indonesien: Sorong – Tual, 13.3. bis 14.4.20:

So aufgeregt waren wir lange nicht mehr. Wir dürfen tatsächlich einen weiteren Traum erleben und einer der schönsten Ecken der Welt, den abgelegenen Osten Indonesiens, mit dem Segelboot entdecken. 6 Wochen auf dem Meer, abseits von Zivilisation und vom Wind getragen. So hatten wir uns das zumindest vorgestellt, doch Corona stellt auch unsere Welt auf den Kopf. 

Wir sitzen in einem fast leeren Flugzeug nach Sorong, Corona-Virus lässt grüßen. Von oben sehen wir bereits kleine paradiesische Inseln umringt von türkisblauem Wasser. 

Die Anreise klappt zum Glück reibungslos und kurze Zeit später nehmen wir unsere Gastgeber Hayley und Kyle in den Arm. Endlich lernen wir uns nach zwei Monaten Kontakt persönlich kennen und sind uns direkt sympathisch. 

Doch bevor unser großes Segelabenteuer losgehen kann steht noch eine Menge Organisation und Bootsarbeiten auf dem Programm. Denn dies ist der letzte große Hafen für die nächsten 6 Wochen. Also wird fleißig die To-Do-Liste abgearbeitet. Wir

Mädels flicken einige Risse im Segel, die Jungs ersetzen eine faulige Stelle in der Oberfläche des Daches und im Fenster. Gemeinsam kaufen wir auf dem Markt frisches Gemüse und Obst ein, laden Karten runter, telefonieren mit unserer Familie und kaufen Benzin und Gas.

Nach 5 Tagen harter Arbeit bei brütend heißen Temperaturen können wir es alle nicht erwarten los zu segeln. Die Situation mit dem Corona-Virus hat sich mittlerweile (Stand mitte März) sogar bis Sorong ausgebreitet und auf der Straße rufen uns die Menschen “Corona” entgegen. Drei Fälle soll es hier nun haben und zwei Tage nach unserer Anreise wird der Flughafen dicht gemacht. In Europa überschlagen sich die Nachrichten über ausverkauftes Toilettenpapier, Social-Distancing und Lockdowns. Wir sehen also zu, dass wir so schnell wie möglich aus der Stadt kommen, verzichten auf das beliebte Händeschütteln und sind dankbar Zuflucht von diesem Chaos auf unserem Segelschiff zu finden. 

Wir fühlen uns direkt wohl an Bord. Der 2013 gebaute Katamaran ist super modern und schön eingerichtet, hat ein kleines “Wohnzimmer”, zwei Schlafzimmer, ein kleines Bad und eine Küche. 

Als große Person braucht man allerdings seine 2-3 Wochen um sich nicht jeden Tag mindestens vier Mal den Kopf anzuschlagen. Auch die blauen Flecken an Alinas Beinen nehmen von Tag zu Tag zu. Wir erkundschaften das Boot und sind neugierig wie die beiden hier seit 15 Monaten leben. Ein bewusster Umgang mit den Ressourcen ist natürlich die Devise und Sparsamkeit, besonders mit dem Wasser, wird schnell zum Alltag. Mit Solarenergie kann die Entsalzungsanlage jeden Tag ca. 30 Liter Salzwasser in Trinkwasser filtern. Hinzu kommt das auf den Solarmodulen gesammelte Regenwasser. Die Solaranlage gibt uns bei Sonnenschein Strom für das Aufladen der Geräte und Handys und für das Licht. Einmal die Woche, oder häufiger bei schlechtem Wetter, läuft der Generator um alle Batterien vollständig zu laden. Eine kleine Hydro-Plantage sorgt stets für etwas frisches Gemüse und frischer Fisch wird mit viel Geduld und Können mit einer Harpune geschossen. 

Das als kleine Einleitung zum Leben an Bord. Bei ruhiger See klingt das ja alles idyllisch. Doch bereits in der ersten Nacht auf See werden wir auf Seekrankheit geprüft und ordentlich durchgeschüttelt. Wir meistern das Karussell aber zum Glück sehr gut und sind hoffnungsvoll, dass das so bleibt.

Unser Segeltrip führt uns zunächst zu den Misool Inseln wo wir, gemeinsam mit einem südafrikanischen Segelpärchen, die Region erkunden. Schwimmen im See voller Quallen, schnorcheln an wunderschönen Riffwänden, gehen mit Taschenlampen durch eine Höhle auf Entdeckungstour und genießen Sundowner am Strand. 

Ja, so haben wir uns in etwa das Leben als Segler vorgestellt. Roman und Kyle werden sogar noch bei einem Nachmittags-Schnorchelgang von drei neugierigen Hammerhaien begrüßt.

Nach einer Woche Internet- und Coronafreier Zeit kommen wir an der Küste West-Papuas an und ankern für eine Nacht vor der Stadt Fak Fak (kein Schwerz und das Aussprechen gibt jedes Mal ein Lacher). Zurück im Internet werden wir allerdings schnell aus unserer Paradies-Blase herausgerissen und von den Neuigkeiten überrumpelt. Mittlerweile hat sich die Corona-Situation verschlimmert, in Europa ist Ausnahmezustand und auch hier stehen viele Städte vor einem Lockdown.

Ein Fischerboot fährt an uns vorbei, ruft „Corona“ und signalisiert uns das wir weiterfahren sollen. Es schleicht sich das mulmige Gefühl ein, dass wir hier nicht willkommen sind. Aber da nun eine größere Passage vor uns steht, wir leider für unsere Visa-Verlängerung Termine einhalten müssen und der Wind recht schwach vorausgesagt ist, wollen die Jungs nochmals unseren Benzin-Vorrat aufstocken. Sie steigen auf das Beiboot und fahren Richtung Land, wir Mädels halten die Stellung an Bord und warten etwas nervös auf ihre Neuigkeiten. Nach einer Stunde kommen sie mit leeren Händen zurück. Einige wollten ihnen helfen doch als der Bürgermeister davon Wind bekam wurden sie recht unhöflich weggeschickt. Hier darf niemand, und schon gar keine Ausländer (die als absolute Corona-Bazillen gesehen werden), die Stadt betreten. 

Niedergeschlagen sitzen wir auf dem Boot und versuchen Kontakt mit der Einreisebehörde der nächsten Stadt Tual aufzunehmen. Kommen wir dort überhaupt noch rein und können das Visum verlängern? Wir sind alle mit unseren Handys beschäftigt als wir auf einmal das auf uns zu fahrende Polizeischiff wahrnehmen. Der grimmige Polizeichef signalisiert uns unmissverständlicherweise das wir uns sofort von der Stadt entfernen sollen. Enttäuscht fahren wir langsam weiter in der Hoffnung, dass wir noch weiterhin Handyempfang haben. Das Polizeischiff bleibt hartnäckig an unserer Seite, natürlich stets mit mindestens einer Person, dessen Handykamera auf uns gerichtet ist. Wir fühlen uns wie Verbrecher die eine todkranke Seuche ins Land bringen wollen.

Doch dann bekommen wir über den Funk die Nachricht, dass ein Zollboot unsere Papiere prüfen will und uns mit dem Benzin helfen möchte. Etwas Hoffnung steigt. Kurze Zeit später reichen wir mit mulmigen Gefühl unsere Pässe an einen Zollbeamten mit

Maske und direkt nach der Übergabe fährt das Zollboot gemeinsam mit dem Polizeischiff zurück zum Hafen. Oh Mist, wir versuchen positiv zu bleiben und glauben an das Gute und das diese Menschen uns helfen wollen. Geduldig warten wir auf eine Nachricht. Nach einer Stunde bekommen wir via Funk die Info, dass unsere Pässe, das Quarantäne-Team und das Benzin zu uns unterwegs sind. Wir atmen auf. Mit einem großen Schiff und einem Aufmarsch von maskierten Menschen an Bord werden unsere Pässe zurück gereicht. Und mit Masken ausgestattet (die haben wir zum Glück noch von unser Frachterreise aufgehoben) müssen wir uns einer nach dem Anderen der Fiebermesspistole hingeben. 

Alle an Bord sind super freundlich, entschuldigen sich mehrere Male für diese ungünstige Situation und wünschen uns eine sichere Weiterreise. Das Polizeischiff überreicht uns noch das bestellte Benzin und der Höhepunkt folgt als Roman das Geld reicht. Der Empfänger nimmt die Geldscheine entgegen, die Hand mit einem Plastiksack geschützt und wäscht diese sofort hektisch im Meer. Er lächelt uns an, “Corona, very bad. I have wife and children”. 

Wir platzen los vor lachen. Die Erleichterung, dass alles geklappt hat und wir erstmal wieder ein paar Tage ohne Menschen sein können ist groß. Wir entscheiden uns somit für eine Nachtfahrt, damit wir am Morgen den ganzen Spuk vergessen und bei einem Wasserfall für einige Tage entspannen können. Und als besonderes Geschenk des Tages begleiten uns, als die Sonne am Horizont untergeht, ein paar Delfine.

Doch wir haben uns zu früh gefreut so glimpflich aus der Corona-Situation herausgekommen zu sein. Am Wasserfall angekommen genießen wir zunächst die Ruhe, das grenzenlose Wasser und erkunden die Korallenriffe. Wir kommen gerade von einem Schnorchelgang in unserem Beiboot auf das Schiff zurück, da steht aus dem Nichts ein kleines Holzboot mit 8 Mann vor uns. Mit dabei Polizei, Militär und natürlich laufende Handykameras. Wo kommen die denn jetzt her? Wir sind Stunden von einer grösseren Ortschaft entfernt. Leider sind die Jungs nicht sehr kommunikativ und rufen uns ziemlich durchdringend „Corona, go away, now“ entgegen. Wir versuchen zu erklären, dass wir kein Corona haben und auch niemanden hier anstecken könnten da wir auf dem Segelschiff bleiben, aber die Stimmen an Bord werden immer lauter und somit ziehen wir den Anker und fahren davon. Bye bye wunderschöner Wasserfall und Küste West-Papuas. Hier sind wir leider nicht mehr willkommen.

Tja, somit legen wir eine weitere Nachtfahrt ein um so schnell wie möglich in die nächste Stadt Tual zu kommen um offizielle Visa-Informationen zu bekommen. In Tual angekommen können wir zum Glück an Land, die Visa-Verlängerung klappt problemlos und wir kaufen frisches Gemüse und Obst auf dem Markt. Hier scheint alles noch etwas entspannter zu sein. Vermehrt sehen wir Menschen mit Masken auf den Strassen, aber von Abstand halten ist hier noch nicht wirklich die Rede. Als wir unsere Vorräte aufgestockt haben sind wir mehr als froh wieder auf unserem kleinen Boot zu sein. Mit dem Visum in der Tasche denken wir nun ganz naiv unsere Reise kann weitergehen. Doch die ursprünglich geplante Segelroute ist passé. Osttimor hat seine Grenzen dicht. Es schleicht sich immer mehr das Gefühl ein, ob wir uns nicht langsam einen Escape-Plan überlegen sollten. 

Wir versuchen den ganzen Wahn für ein paar Tage zu vergessen und geniessen das Paradies der Kei Inseln. Wir verbringen Stunden im Wasser, schwitzen bei morgendlichen Workouts am Strand und grillen leckeres Gemüse beim Lagerfeuer. 

Das Wasser um uns ist unbeschreiblich blau und die Unterwasserwelt fantastisch. Wir schnorcheln mit Schildkröten, beobachten Tintenfische, winken einem vorbei schwimmenden Dugon zu und verlieben uns jeden Tag auf das Neue in die wundervollen bunten Korallen und Fische. Auch das Tauchen mit der einzigen hier vorhandenen Tauchschule ist grandios, vor allem die zwei sehr neugierigen, hochgiftigen aber friedlichen Olivgrün-Seeschlangen begeistern uns. Roman wird sicherlich nochmals ein Best-Of Video zusammenstellen, wenn er dazu kommt.

Und schon steht Ostern vor der Tür und mit den Feiertagen auch eine der wichtigsten Entscheidungen wie unsere Reise weitergeht. Denn eines können wir an dieser Stelle schon verraten, es kommt alles anders wie geplant. Doch dazu mehr im nächsten Beitrag. Nun zunächst die Bilder von unserem Segelabenteuer. 


Ein Gedanke zu “Segelabenteuer durch Indonesien

  1. Wahnsinn. Bezogen auf Corona, die unglaubliche Schönheit der Natur, eure Erlebnisse.
    Ich hoffe sehr, dass ihr euch entschieden habt, weiterhin unterwegs zu sein. 🙂
    Viele Grüße aus der Schweiz – wo endlich der erste Regen im April fällt…

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